Elke Palmer


Premium (World), Bischofswerda

Omas Truhe

Das kleine Schloss

Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten sich sehr lieb und es dauerte nicht lange, da hatten sie zwei Töchter. Sie waren nicht reich, aber zufrieden mit dem, was sie hatten.
Dann kamen schlimme Zeiten und der König musste in den Krieg ziehen. Doch als der Krieg vorüber war, kehrt der König unversehrt zurück und bald hatten sie auch noch zwei Söhne.
Sie waren immer noch nicht reich, hatten aber ein wenig Geld zurücklegen können. So beschlossen sie, sich von dem Geld, das sie erspart hatten, keine Kronen zu kaufen, sondern sich nach einem Schloss umzusehen.
Bald hatten sie ein ganz kleines Schloss gefunden, machten von ihrem Geld eine Anzahlung bei der Bank und zahlten jeden Monat eine kleine Summe an die Bank in der Vorfreude, dass ihnen das kleine Schloss irgendwann einmal ganz gehören sollte. Weil sie fleißig waren, brauchten sie auch kein Dienstpersonal, sondern erledigten alle nötigen Dinge selbst. So konnten sie mit dem wenigen Geld, was übriggeblieben war, auskommen.
Die Königin kümmerte sich um die vier Königskinder, kochte, machte sauber, kaufte ein und wusch die Wäsche. Der König bekam eine neue Uniform, ging auf Arbeit und versorgte den Garten und die Kaninchen. So hatten sie an Feiertagen auch mal einen leckeren Braten.
Einmal passierte es, dass sich die Königin beim Gemüse putzen tief in den rechten Zeigefinger schnitt. Die Wunde heilte, aber der Finger blieb steif. Die Königin konnte ihn nicht mehr biegen. Das nahm sie jedoch gelassen hin und nutzte es sogar für ihre Zwecke. Wenn sie ihre Kinder ermahnen musste, hob sie nur den steifen Finger und alle starrten gebannt darauf und gehorchten sofort. Vielleicht konnte sie ja mit diesem Zeigefinger ein wenig zaubern.
In dem kleinen Schloss war es sehr gemütlich. In jedem Zimmerchen gab es einen Platz, wo sich die Kinder zusammenkuscheln konnten, wenn es draußen kalt und windig war. Aber oft spielten sie im Garten, halfen das Unkraut jäten und die Kaninchen zu füttern. Die Mädchen halfen der Königin im Haushalt und die Jungen hackten Holz für den Winter, schaufelten Kohlen oder gingen mit dem großen Schlosshund spazieren. Vor dem Schloss stand ein großer knorriger Baum, der im Sommer die leckersten Kirschen trug. Und im Garten wuchs prächtiges Obst und Gemüse. Und weil der König in seiner Freizeit so gern im Garten arbeitete, hatte der in der ganzen Gegend den dicksten Kohlrabi und die größte Rosenkohlpflanze. Darauf war er sehr stolz.
Es war ein sehr harmonisches Zusammenleben. Dann wurden die Kinder größer, gingen eigene Wege und heirateten. So wurden denn die Königin und er König zu königlichen Großeltern.
Wie freuten sie sich, wenn die Enkelkinder zu Besuch kamen und manchmal kamen viele auf einmal. Besonders wenn die Königin oder der König Geburtstag hatte, war das kleine Schloss gefüllt mit Leben und Kinderlachen. Die Kinder spielten und stromerten im ganzen Schloss und Garten umher, vom Dachboden bis zum Keller fanden sich überall herrliche Verstecke und Winkel.
In einer kleinen Dachkammer hatte die Königin vielerlei Handarbeitszeug und Zutaten um schöne Dinge herzustellen. Mal waren es Blumen aus Seide, mal kleine Häschen oder Küken aus einem Material, das wie Plüsch aussah. Das tat sie sehr gern und in gewissen Abständen kam ein Wagen und holte die schönen Dinge ab. Dafür bekam die Königin etwas Geld, weil diese Sachen dann auf dem Markt verkauft wurden.
Die Zeit verging und die Königin musste keine Seidenblumen und Häschen mehr herstellen. Das brauchte sie auch nicht mehr, denn vor kurzer Zeit war ein Brief von der Bank gekommen. Darin stand, dass das kleine Schloss, für das der König und die Königin jeden Monat Geld an die Bank gezahlt hatten, nun endgültig ihnen gehörte. Auch der König konnte seine Uniform in den Schrank hängen. Sie waren älter geworden und konnten sich nun ausruhen.
Eines Tages wurde der König jedoch sehr krank und starb kurz darauf. Alle, die ihn liebhatten, und das waren sehr viele Menschen, waren sehr traurig. Und dann rief die Königin alle ihre vier Kinder zusammen und sie beratschlagten gemeinsam, welches der Kinder später einmal in das kleine Schloss ziehen solle, damit nicht fremde Menschen darin einziehen mussten. Das kleine Schloss sollte in Familienbesitz bleiben.
Die Königskinder wurden sich sehr schnell einig, dass der jüngste Sohn in das Haus einziehen sollte, weil er die meisten Reparaturen durchgeführt hatte. Auch eine Heizung hatte er eingebaut, so dass niemand mehr Holz hacken oder Kohlen schaufeln musste.
Und weil sie alle die Königin sehr lieb hatten und sie nicht noch trauriger machen wollten als sie es schon war, weil ja der König nicht mehr lebte, und weil die Königin ihren magischen Zeigefinger hob, sagten alle Königskinder, dass sie mit dieser Entscheidung einverstanden wären. Sie sagten auch, dass die Königin bis an ihr Lebensende darin wohnen bleiben sollte und dass sie von ihrem jüngsten Bruder kein Geld haben wollten. Wichtig wäre ihnen nur, dass das Schloss niemand bekäme, der nicht zur königlichen Familie gehören würde.
So wurde es gemeinsam beschlossen. Der königliche Notar wurde gerufen und es wurde alles aufgeschrieben und abgestempelt.
Und die Königin blieb in dem kleinen Schloss wohnen, bekam regelmäßig Besuche von Kindern, Enkeln und bald auch schon von den Urenkeln.
Und dann geschah etwas sehr Schlimmes. Zwei der Königskinder, die zweite Tochter und der ältere Sohn, kamen plötzlich auf den Gedanken, dass es rechtens wäre, wenn ihnen der jüngste Königssohn dafür, dass er das Schloss einmal allein für sich haben sollte, doch ihren Anteil an dem Erbe auszahlen sollte. Der ältere Königssohn hatte sich inzwischen ein eigenes kleines Schloss gebaut und hätte das Geld gut gebrauchen können. Und die jüngere Königstochter lebte schon lange allein und wollte nicht mehr heiraten. Sie hätte das Geld auch gern genommen. Weil der jüngste Königssohn aber schon längere Zeit krank war und keine Arbeit hatte, konnte er ihnen das Geld nicht geben.
So gingen die vier Königskinder mit der Königin wieder zum königlichen Notar und es wurde dieses Mal aufgeschrieben und abgestempelt, dass das kleine Schloss nun wieder der Königin allein gehören sollte. Das war sehr traurig, denn die Königin war schon sehr alt und niemand wusste, wie es mit dem kleinen Schloss weitergehen sollte. Alle waren enttäuscht, am meisten jedoch der jüngste Königssohn, weil er ja nun nicht in das Haus einziehen konnte und die älteste Tochter, weil sie erst so stolz auf ihre Geschwister war, als die kein Geld haben wollten und nun alles ganz anders gekommen war. Und die beiden mittleren Königskinder waren enttäuscht, weil sie nun kein Geld bekommen konnten, denn das Haus gehörte ja nun wieder der Königin.
Sie stritten sich nicht, denn die Königin hätte, wenn sie das bemerkt hätte, ihren Finger gehoben und sie ermahnt, aber es kann sein, dass sie sich nicht mehr so lieb hatten wie früher. In ihren Herzen hatte sich ein Schmerz eingegraben.
Die Königin lebte noch sehr lange, auch einige Enkelkinder wollten das kleine Schloss kaufen. Aber das Interesse daran ließ schnell nach, weil das kleine Schloss allmählich verfiel und die Königin nicht wollte, dass das Schloss umgebaut wurde. Das Dach war an einigen Stellen undicht und im Kohlenkeller bröckelte eine Mauer.
Eines Tages interessierte sich wieder eines der Enkelkinder für das Schloss und sprach mit den Königskindern. Die aber sagten nun, dass man mit der Königin auf keinen Fall darüber sprechen dürfte. Sie wäre ja nun schon so alt und wenn jemand sagte, dass er das Haus kaufen möchte, könnte sie ja denken, sie müsste bald sterben. Vor diesem Gedanken sollte die Königin bewahrt werden.
Und so vergingen viele weitere Jahre. Die Königin war schon sehr alt, genau gesagt, sie war jetzt einhundert Jahre alt. Zu ihrem Geburtstag kamen viele Gratulanten, die sie beglückwünschten. Die Königin lächelte weise in sich hinein, hob ihren Finger, bedankte sich bei allen und schickte die Gäste wieder nach Hause. Sie hatte keine Kraft mehr zum Feiern. Denn die Königin war gebrechlich geworden. Sie hörte fast nichts mehr und sie konnte kaum allein ein paar Schritte gehen.
Die jüngere der beiden Königstöchter kümmerte sich um die Königin, vielleicht, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte, vielleicht, weil sie selbst allein war und ganz sicher auch, weil sie die Königin lieb hatte. Als die Königin im Alter von fast einhundertzwei Jahren starb, legte sich ein Schweigen über das kleine Schloss.
Traurig räumten die Königskinder das Schloss aus. Sie nahmen sich noch ein paar persönliche Andenken mit. Dann gingen sie zum Notar, der das kleine Schloss, das ja immer noch oder eben wieder der Königin gehörte, verkaufen sollte.
Er verkaufte das kleine Schloss, gab jedem der vier Königskinder den gleichen Anteil vom Erlös.
Dann trennten sie sich, fast wie Fremde und haben seitdem das kleine Schloss nie wieder betreten, denn ein Fremder hatte es gekauft.

- ENDE -

Das ist die Truhe mit den Initialen meiner Urgroßmutter, an die ich mich leider nicht mehr bewusst erinnern kann. Diese Truhe bekam ich als wir Omas Haus "Das kleine Schloss" ausräumten nachdem sie vor drei Jahren im stolzen Alter von knapp 102 Jahren starb.
Dies ist eine wahre Geschichte.
In dieser Truhe wohnen nun viele meiner Erinnerungen an meine Großeltern und glückliche Zeiten, die ich dort verbringen durfte.

Sämtliche Fotos sind eigene Fotos.





Commentaire 7

  • karlitto 25/09/2018 23:54

    Ich habe jetzt nicht alles durch gelesen, weil im Wimmelbild soo viel zu gucken ist ;-)
  • Ly Costals 15/09/2018 17:08

    Schon bald am Anfang der Geschichte habe ich mir gedacht, daß  das eine wahre Geschichte ist und sie hat mich sehr berührt. Du hast sie wunderschön erzählt und  deine Erin
    nerungsstücke passen genau dazu. 
    Danke fürs Zeigen! LG Ly
  • Janne Jahny 15/09/2018 17:02

    Nun habe ich die ganze Königs-Geschichte durchgelesen und bin in einer ganz seltsamen Stimmung.
    Ich finde es wunderschön, dass du eine fotocommunity-Challenge zum Anlass genommen hast, um dir (und uns) diese Geschichte noch einmal in voller Länge zu erzählen.
    Ich merke selber: je älter man wird, umso mehr haben alte Sachen um einen rum eine gewisse Symbolkraft und tragen durchaus zu unserer Gefühlslage bei.
    Hätte ich mir früher nicht denken können.
    LG
  • karlitto 14/09/2018 22:12

    Diese Truhe wird hoffentlich noch etliche Generationen überleben. Du wirst bestimmt auch so alt und kannst hier ganz lange mitmachen.
  • Dorle F. 14/09/2018 18:24

    Hallo Elke, ein sehr  sinniger Beitrag und Deine Wunder-Kiste birgt so manches Kleinod, Ein jedes hat seine Geschichte und das ist das Schöne daran, auch das Einbeziehen Deiner Lieben in Fotos  finde ich sehr gelungen.  ! LG
  • Garrulus glandarius 14/09/2018 17:50

    Oh wie traurig diese sehr persönliche Geschichte doch endet :-(
    Vielen Dank, dass Du sie mit uns teilst, liebe Elke! 
    Der größte Schatz jedoch sind die vielen Erinnerungen und die kann man mit Geld nicht kaufen und auch kein Fremder kann sie übernehmen.
    Das ist ein sehr berührender Beitrag!